Vorbereitung operativer Hochwasserabwehrmaßnahmen in Dresden

Ausgehend von den Erfahrungen der Hochwasserabwehr bei den Elbe-Hochwassern in Dresden wird dargestellt, wie operative Abwehrmaßnahmen (Verbaulinien) systematisch vorbereitet werden können. Mit der bei der Dresdner Stadtverwaltung verfügbaren Geodateninfrastruktur lassen sich Handlungsanleitungen für die Einsatzkräfte generieren, die bei unerwarteten Situationen an die konkrete Lage angepasst werden können. Vorab muss geprüft werden, dass die Wirksamkeit von Verbaulinien nicht durch Überschwemmungen über die Abwasserkanalisation konterkariert wird.


1 Erfahrungen bei den Elbe-Hochwassern 2002, 2006 und 2013 Beim Elbe-Hochwasser im August 2002 mit dem bis dahin höchsten beobachteten Scheitelwasserstand von 940 cm am Pegel Dresden seit Beginn der Pegelaufzeichnungen im Jahr 1776 (regelmäßig seit 1806) konnte auf keinerlei Wissensbestände oder Erfahrungswerte bei der Hochwasserabwehr zurückgegriffen werden. Das größte Elbe-Hochwasser in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Juli 1954, erreichte lediglich einen Scheitelwasserstand von 674 cm. Fachliche Übereinkunft zum damaligen Zeitpunkt war, dass ein Elbe-Hochwasser mit hundertjährlicher Eintrittswahrscheinlichkeit einen Wasserstand von 817 cm Pegel Dresden generiert; größere Ereignisse wurden für so wenig wahrscheinlich gehalten, dass dafür keinerlei Darstellungen potenziell überschwemmter Flächen - vergleichbar den heutigen Gefahren- und Risikokarten - vorlagen. Deshalb mussten ohne Kenntnis belastbarer Pegelprognosen und lediglich unter Nutzung topographischer Karten sowie bekannter Höhenpunkte, z. B. Kanaldeckelhöhen, beim Elbe-Hochwasser 2002 Standorte von Verbaulinien ad hoc ermittelt und diese dann überwiegend unter der Verwendung von Sandsäcken errichtet werden. Ihre Verteidigung war vielerorts nur mit einem sehr hohen personellen und technischen Aufwand möglich. Großflächige Überschwemmungen ganzer Stadtteile, auch durch die völlig überlastete Abwasserkanalisation, konnten nicht vermieden werden. Bereits vier Jahre später, beim Elbe-Hochwasser im April 2006 mit einem Scheitelwasserstand von 749 cm am Pegel Dresden, konnte die Hochwasserabwehr auf der Kenntnis der im Jahr 2002 wirksamen Verbaulinien aufbauen. Die nachträgliche Prüfung dieser Kenntnisse unter Nutzung eines aktuellen Digitalen Geländemodels (DGM) gelang gut. Bekannte Maßnahmen ermöglichten eine klare Kommunikation von Verbauempfehlungen gegenüber den Entscheidungsträgern im Katastrophenstab bzw. in der Technischen Einsatzleitung. Allerdings war der Umfang der durch das Umweltamt im Rahmen seiner Fachberatung zu prüfenden Maßnahmen weitaus geringer im Vergleich zur Situation im August 2002, da eine wesentlich kleinere Fläche mit geringeren Wassertiefen im Stadtgebiet von Überschwemmungen betroffen war. Beim Elbe-Hochwasser im Juni 2013 mit einem Scheitelwasserstand von 878 cm am Pegel Dresden konnte die Hochwasserabwehr auf die Kenntnisse der in den Jahren 2002 und 2006 wirksamen Verbaulinien sowie aktuelle Wissensbestände (DGM, potenziell überschwemmte Flächen, Wasserspiegellagen bzw. Wassertiefen bei Wasserständen von 350 bis 1 050 cm am Pegel Dresden in 0,5-m-Schritten im Ergebnis der 2-D-HN-Modellierung 2008) zurückgreifen. Angesichts der bei höheren Wasserständen weitaus komplexeren Situation als im Jahr 2006 zeigte sich, dass die vorliegende Informationen der Hochwasserabwehrplanung vielfach hinsichtlich Standorten, Verbaulängen und -höhen nicht ausreichend eindeutig oder auch widersprüchlich waren. Weiterhin traten größere Abweichungen der tatsächlich überschwemmten Flächen bzw. Wassertiefen gegenüber den Modellergebnissen (Stand 2008) auf, so dass die Abmessungen von zahlreichen Verbaulinien nachjustiert werden mussten. Gelungenen Abwehrmaßnahmen, z. B. entlang bereits vorgeplanter Linien eines künftigen stationären Gebietsschutzes standen Misserfolge, insbesondere bei großen Verbaulängen und -höhen im Zusammenhang mit unprofessioneller Errichtung von Sandsackdämmen durch eine Vielzahl nichtorganisierter Helfer, gegenüber. Ebenso konnte infolge fehlender Vorplanung - hier insbesondere Kenntnislücken zur Überflutungsgefährdung durch die Abwasserkanalisation - die potentielle Abwehrwirksamkeit mehrerer Verbaulinien nicht erreicht werden.
Autor(en)
Franz Frenzel, Jens Olaf Seifert
Contentpartner
© Springer Vieweg
Publikation
WasserWirtschaft 12 / 2019 (Dezember 2019)
Verkaufspreis
€ 10,00